Tourismus

Ortsentwicklung: Was Schierke nach dem Aus des Seilbahn-Projektes braucht

Der Seilbahn-Investor ist abgesprungen. In Schierke ist die Enttäuschung groß. Volksstimme-Reporterin Ivonne Sielaff hat mit Wernigerodes Tourismuschef Andreas Meling über Schierkes Zukunftschancen gesprochen.

17.05.2021, 16:55
Schierke hat in den vergangenen Jahren touristisch ordentlich zugelegt. Neue Unterkünfte ließen die Übernachtungszahlen in die Höhe schnellen. Das Aus des Winterberg-Projektes hat der Ortsentwicklung allerdings einen Dämpfer versetzt.
Schierke hat in den vergangenen Jahren touristisch ordentlich zugelegt. Neue Unterkünfte ließen die Übernachtungszahlen in die Höhe schnellen. Das Aus des Winterberg-Projektes hat der Ortsentwicklung allerdings einen Dämpfer versetzt. Foto: Ivonne Sielaff

Volksstimme: Was bedeutet der Rückzug von Seilbahn-Investor Gerhard Bürger und damit das Aus des Winterberg-Projektes für Schierkes touristische Entwicklung?

Andreas Meling: Für Schierke und die Tourismusentwicklung im Oberharz ist es ein herber Rückschlag. In meiner früheren Funktion als Koordinator der Ortsentwicklung war ich immer bereit, über die Einzelbestandteile des Projektes zu streiten. Es ist sicher unstrittig, dass die Ganzjahreserlebniswelt am Winterberg ein Riesenimpuls für die Ortsentwicklung gewesen wäre – zumal der Trend zum Inlandstourismus und zu längerer Verweildauer geht, wenn ausreichend Angebote für Gäste vorhanden sind.

Volksstimme: Wieso ist beziehungsweise war das Projekt so wichtig für Schierke?

Meling: Wir brauchen dort Freizeitangebote für die Besucher und Besucheranreize. Schierke ist ein gewachsener Tourismusstandort – und zwar seit 125 Jahren einer der bedeutsamsten im Harz. Der Ort hat nach wie vor großes Potenzial. Zum einen wegen seiner Nähe zum Brocken, aber auch wegen seiner Lage im Naturraum, der Möglichkeiten für Wanderer und Radfahrer insbesondere im Frühjahr und im Herbst und der relativ schneesicheren Winter. Das allein reicht heutzutage nicht mehr. Wir müssen die Leute dazu bewegen, länger zu verweilen – und das geht nur mit Angeboten. Die Schierker und ein Großteil des Oberharzes leben vom Tourismus. Diese Lebensgrundlage müssen wir als Kommune erhalten, pflegen und weiter entwickeln. Und wir merken, dass da noch ein bisschen was nach oben geht.

Volksstimme: Aber in den vergangenen Jahren hat sich in Schierke doch schon viel getan. Es wurden Millionen investiert...

Meling: Ja, das stimmt. Die Entwicklung der letzten Jahre ist beeindruckend und beispielhaft. Die Stadt Wernigerode hat konsequent am Ortsentwicklungskonzept gearbeitet. Darüber hinaus ist es gelungen, durch private Investitionen die Bettenkapazitäten zu steigern. Wir sind aktuell bei 1700 Betten. Mehr Betten – das wirkt sich natürlich auf die Übernachtungszahlen aus. 2019 hatten wir erstmals über 300.000 Übernachtungen – und das in einem Ort mit 550 Einwohnern. Das hat auch wirtschaftliche Konsequenzen. Schierke spült etwa 500.000 Euro Kurtaxe pro Jahr in den städtischen Haushalt – von Corona jetzt mal abgesehen. Und mit jeder Investition wird das mehr.

Volksstimme: Und das reicht nicht?

Meling: Es geht noch mehr, da sind wir uns einig. Zielstellung sind 2000 Betten und 400.000 Übernachtungen im Jahr. Dafür brauchen wir noch eine große Hotelinvestition, aber die ist mit dem Wurmbergblick-Grundstück absehbar. Das wir die Steigerung der Betten hinbekommen, ist also sehr realistisch. Das zweite ist aber, die Aufenthalts- und Erlebnisqualität der Gäste zu erhöhen. Dafür braucht es Angebote, Ideen und Leute, die sie umsetzen. Wir hatten so einen. Deshalb ist es so traurig, dass wir Gerhard Bürger für den Winterberg verloren haben – egal was man von ihm hält. Tourismus versteht er. Da muss man nur zur Glasmanufaktur nach Derenburg blicken.

Volksstimme: Wie geht es nun für Schierke weiter?

Meling: Wir brauchen jetzt einen Plan B. Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir nun weiter machen. In Schierke gibt es drei große Baustellen: Privatinvestitionen in Hotellerie und Gastronomie, Erlebnis-Angebote, denn Wandern allein reicht nicht aus. Und eine abschließende Entwicklung innerorts. Ich rede da vom Kurpark und von den alten Schulstandorten. Da muss in den nächsten Jahren einiges passieren – auch nochmals mit öffentlicher Beteiligung. Das Problem ist, Partner aus dem Privatbereich sind nicht mehr so leicht zu finden. Es klopft nicht jeden Tag ein Investor an die Tür. Die Zeiten sind vorbei.

Volksstimme: Und was ist mit dem Winterberg? Vergessen und begraben?

Meling: Ehrlich gesagt, bei der Diskussion um einen Plan B für Schierke würde ich den Winterberg ungern komplett aufgeben wollen. Gerade das Konzept der Ganzjährigkeit nicht. Wir müssen auch den Winter mitdenken. Das Gute ist, die Stadt ist durch die Einigung mit Gerhard Bürger in der Lage, alle Einzelpläne zu nutzen. Es ist eigentlich nichts für die Tonne. Luchswelt, Spielplatz, Rodelhang, Loipensystem, Nordic Walking, Seilbahn, Teich. Das sind alles Einzelprojekte. Die müssen wir nicht aufgeben, sondern adaptieren und anpassen. Dann ist es eben nicht das große Ganze, sondern fünf kleinere Projekte. Wir müssen uns einig sein, was wir für Schierke wollen, wer es investiert und wer es letztlich betreibt. Letzteres ist für die Stadt das größte Problem. Kosten und Nutzen müssen in einem gesunden Verhältnis stehen. Aber wir müssen weiter aktiv dran arbeiten. Wernigerode hat immer an seiner touristischen Attraktivität gearbeitet. Gerade aktuell erleben wir das mit der Investition in die Dampflokwerkstatt der HSB oder die „Erlebnisturm“-Investition im Bürgerpark. Das brauchen wir für Schierke auch. Deshalb: Tief Luft holen, schütteln und weiter machen. Kommentar

TTourismuschef Andreas Meling.
TTourismuschef Andreas Meling.
Foto: Wernigerode Tourismus GmbH